Sichere Wiesn: „Nicht Mädchen* und Frauen* müssen sich besser schützen – wir alle tragen Verantwortung“
München – Eine sichere Wiesn entsteht nicht dadurch, dass Mädchen* und Frauen* sich besser schützen. Dafür braucht es die Verantwortung aller. Die Aktion „Sichere Wiesn für Mädchen* und Frauen*“ lenkt deshalb den Blick auf eine zentrale Frage: Was können wir alle dazu beitragen, dass Grenzen respektiert werden und Mädchen* und Frauen* sicher und unbeschwert feiern können? Dabei nimmt sie vor allem Jungen* und Männer* in den Blick: Sie können und müssen als Verbündete aktiv werden, wenn Grenzen überschritten werden – im Freundeskreis, am Arbeitsplatz, in der Schule, im Club und auf der Wiesn.
Was ziehe ich an? Wie viel kann ich trinken? Von wem halte ich mich besser fern? Wem kann ich vertrauen? Wie komme ich nachts sicher nach Hause? Für viele Mädchen* und Frauen* gehören solche Fragen zum Wiesnbesuch dazu – lange bevor sie das Festgelände erreichen. Sie überlegen, wie sie sich schützen können, passen ihr Verhalten an und verzichten möglicherweise auf Dinge, die eigentlich selbstverständlich sein sollten: ausgelassen feiern, flirten, Alkohol trinken oder einfach eine gute Zeit haben.
Die Botschaft ‚Pass besser auf, dann passiert dir nichts‘ verschiebt dabei die Verantwortung auf diejenigen, die von sexualisierter Gewalt betroffen sein könnten. Doch „Übergriffe passieren nicht, weil Mädchen* und Frauen* das falsche Outfit tragen, zu viel trinken oder ‚zu offensiv‘ flirten. Sie passieren, weil andere ihre Grenzen nicht respektieren“, erklärt Manuela Soller von AMYNA e.V. „Es braucht eine gemeinsame Haltung – und dabei sind Männer* besonders wichtig“, so Soller. „Nicht übergriffig zu werden, ist keine besondere Leistung, sondern eine Selbstverständlichkeit. Verbündet zu sein bedeutet mehr: hinsehen, widersprechen, einschreiten und Hilfe holen, wenn Grenzen überschritten werden.“
Zivilcourage beginnt dabei nicht erst bei einem körperlichen Übergriff. Sie zeigt sich auch im Alltag: Wenn in der Gruppe abwertend über den Körper einer Wiesnbedienung gesprochen wird, wenn ein Freund eine Frau* ungefragt küssen will oder wenn ein Kollege auf der Firmenwiesn eine Auszubildende bedrängt.
Niemand muss mitlachen oder wegschauen. Ein klares ‚Lass das‘ kann ein Anfang sein.
Die Aktion „Sichere Wiesn für Mädchen* und Frauen*“ möchte deshalb Jungen* und Männer* dazu ermutigen, ihre Rolle als Verbündete aktiv wahrzunehmen. Das kann ganz konkret heißen:
- nicht mitmachen, wenn sexistische Sprüche oder Witze auf Kosten von Frauen* gemacht werden
- widersprechen, wenn jemand eine Frau* bedrängt oder ihre Grenzen nicht akzeptiert
- Freunde oder Kollegen ansprechen, wenn sie sich übergriffig verhalten
- betroffene Personen unterstützen, ohne für sie zu entscheiden
- Hilfe holen, wenn eine Situation eskaliert
„Freundschaft bedeutet nicht, alles gutzuheißen“, betont Manuela Soller. „Gerade unter Freunden kann es wichtig sein, klar zu sagen, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Das ist keine Illoyalität, sondern Verantwortung.“
Sexualisierte Gewalt ist kein unvermeidbarer Bestandteil des Feierns. Mädchen* und Frauen* müssen sich nicht anders anziehen, weniger trinken oder besonders vorsichtig sein, damit andere ihre Grenzen respektieren. Eine sichere Wiesn entsteht dort, wo Grenzen selbstverständlich respektiert werden und Menschen handeln, wenn das nicht geschieht.
Der Safe Space – Hilfe und Unterstützung vor Ort auf dem Oktoberfest
Am Safe Space der Aktion finden Mädchen* und Frauen* während des Oktoberfests Hilfe, Beratung und Unterstützung. „Wir helfen Mädchen* und Frauen* in jeder Notlage“, sagt Lisa Löffler von der Beratungsstelle Frauen*notruf München, die den Safe Space leitet.
Die Gründe, weshalb Besucherinnen die Anlaufstelle aufsuchen, sind vielfältig: Manche haben ihre Gruppe, ihr Handy oder ihren Geldbeutel verloren. Andere fühlen sich verunsichert oder haben einen sexualisierten Übergriff oder eine andere Gewalttat erlebt. Das Team am Safe Space bietet in all diesen Situationen konkrete Hilfe an. „Wir unterstützen bei einem sicheren Heimweg, recherchieren die Hoteladresse, die Abfahrtszeit des letzten Zuges oder organisieren im Notfall ein Quartier für die Nacht“, erklärt Löffler. Erlebt eine Besucherin akute sexualisierte oder körperliche Gewalt, stabilisieren die Mitarbeiterinnen die betroffene Person und beraten sie zu weiteren Schritten. Auf Wunsch begleiten sie die Betroffene zur Polizei oder in die Klinik und kümmern sich nach Möglichkeit um eine Weiterversorgung am nächsten Tag. „Wir versuchen in jedem Fall individuell die beste Lösung zu finden“, sagt Löffler.
Das Angebot ist kostenlos. Es richtet sich an alle Wiesnbesucherinnen unabhängig von Alter, Herkunft, Hautfarbe, Nationalität, Religionszugehörigkeit, sexueller Orientierung, gesundheitlicher und psychischer Situation oder Behinderung.
Zu finden ist der Safe Space im Servicezentrum auf der Theresienwiese hinter dem Schottenhamelzelt (Eingang „Erste Hilfe“). Öffnungszeiten: an allen Wiesntagen von 18.00 bis 1.00 Uhr; Fr, Sa, So sowie am 2. und 3.10. bereits ab 15.30 Uhr.
Medienkontakt
Ihr Kontakt für Medienanfragen:
Kristina Gottlöber, Kontakt- und Informationsstelle für Mädchen*arbeit, IMMA e.V.
Tel.: 089 / 30 90 415 20, E-Mail: kristina.gottloeber@imma.de
Wir laden Sie schon jetzt herzlich zur Halbzeitbilanz am Montag, 28.9. um 10.00 Uhr bei IMMA e.V., Humboldtstr. 18 in München ein.
